Citylights – Blaue Stunde in der Stadt
Die Blaue Stunde ist ein poetischer Begriff für die beiden Zeitfenster kurz nach Sonnenuntergang und kurz vor Sonnenaufgang, wenn das Tageslicht weich und stimmungsvoll wirkt, da das blaue Licht der Atmosphäre überwiegt. In den wenigen Minuten, in denen sich das Licht der Dämmerung und die vielfarbigen Lichtquellen der Stadt die Waage halten, gelingen effektreiche Architekturaufnahmen.
Am Morgen, wenn die Straßen menschenleer sind und der Verkehr noch ruht, lassen sich eher zeitlose Stadtansichten einfangen. Am Abend gibt die Architektur die Bühne ab, vor der sich urbanes Leben entfaltet.
Citylights: Blaue Stunde in der Stadt
Available Light Fotografie in den Metropolen scheint ein Kinderspiel zu sein: Städte leisten sich kostspielige Beleuchtungskonzepte für ihre Touristenattraktionen und die nächtliche Skyline. Die Inszenierung der repräsentativen Gebäude mit Licht haben ihre Besitzer bereits in die Hand genommen. Der Fotograf braucht nur als Handwerker das vorhandene Licht der Fassaden, Denkmäler, Brücken, Straßen und Plätze auszunutzen und den gewollten Effekt einzufangen.
Was dem Fotografen bleibt, ist die Aufgabe, einen roten Faden zu finden für seine Interpretation der Stadt. Möchte er seine Bilder an Verlage und Zeitschriften verkaufen, wird er sich auf die Highlights der Stadt konzentrieren, fotografiert er für eigene Projekte, bleibt ihm Spielraum für abseitige Entdeckungen.
Das Wetter
Das Wetter muss mitspielen. Nur ein wolkenloser Himmel schenkt ein makelloses Blau. In Richtung Nordwesten ist die Blaufärbung des Himmels übrigens intensiver als gegen Süden, was man bei der Planung des Aufnahmestandpunktes mit Stadtplan und Kompass berücksichtigen kann. Vereinzelte Wolken können das Bild dramatisch beleben, solange sie rosa bis orange leuchtend das Licht der gerade untergegangenen Sonne widerspiegeln. Ist der Himmel hingegen bedeckt, bleiben allein die beleuchteten oder selbst leuchtenden Objekte als Motive für attraktive Stadtansichten in der Dämmerung. Bei Regenwetter bereichern aparte Spiegelungen die Available Light Fotografie.
Fototasche und Stativ
Auch mit kleiner Ausrüstung gelingen große Bilder. Empfehlenswert ist eine Kamera, die im RAW-Format aufzeichnet und die manuelle Einstellung von Belichtungszeit, Blende und Weißabgleich erlaubt. Stürzende Linien bei Architekturaufnahmen zu vermeiden, gelingt zwar leichter mit einem Teleobjektiv bei großer Distanz zum Motiv, doch sind Objektive mit kurzer Brennweite für eine Fotosafari in der City passender, denn hier wird man selten einen ungestörten weiten Abstand zum Objekt finden können.
Neben der Kamera mit verschiedenen Objektiven, vorzugsweise kurzen Brennweiten, gehören ein solides Stativ und ein Fernauslöser zur Grundausstattung für die Avaible Light Fotografie im urbanen Raum. Ein gutes Stativ nützt allerdings nur dann, wenn es korrekt aufgebaut und auch sein Standort umsichtig gewählt wird. Eine abgeschirmte Position, zum Beispiel in einem Hauseingang, neben einem Kiosk oder auf einem Podest, schützt Fotoausrüstung und Fotografen vor gefährlichem Gedränge und vermeidet, dass das Stativ im Dunkeln zur Stolperfalle für Passanten wird. Weil Straßenraub und Belästigung durch Nachtgestalten im Großstadtleben Alltag sind, sollte sich der Fotograf für einen schnellen Rückzug bereithalten und seine Ausrüstung am Körper tragen.
Bei langen Belichtungszeiten leidet die Bildschärfe durch jede Erschütterung der Kamera, sei es durch starken Wind, Brückenvibrationen, vorbeifahrende Straßenbahnen und Ähnliches. Hier hilft Geduld; in ruhigen Augenblicken wiederholt man die Aufnahmen. Ein erfreulicher Nebeneffekt bei Langzeitaufnahmen im Stadtleben ist die Bewegungsunschärfe. Zufällige Passanten hinterlassen nur vage Lichtspuren im Bild und sind nicht als bestimmte Personen zu identifizieren. So schützt die Dunkelheit den Fotografen vor der beiläufigen Verletzung fremder Rechte am persönlichen Bild. Wer seine Kamera auf ein Stativ montiert, sollte übrigens nicht vergessen, den vielleicht im Objektiv eingebauten Image Stabilizer abzuschalten, damit dessen Automatik nicht kontraproduktiv weiterarbeitet und die Bildschärfe mindert.
Mit einem Kabel- oder Funkauslöser umgeht man eine weitere Fehlerquelle, das Verreißen der Aufnahme. Der Druck auf den Auslöser kann die auf dem Stativ befestigte Kamera leicht erschüttern. Das Schwingen der Kamera vermindert die Schärfe der Langzeitaufnahme. Hat man keinen Fernauslöser dabei, behilft man sich mit dem eingebauten Zeitauslöser der Kamera. Eine Vorlaufzeit von 2 Sekunden genügt hier. Wer eine Kamera mit Spiegelvorauslösung sein eigen nennt, sollte sich zudem angewöhnen, diese Funktion grundsätzlich bei Arbeiten mit einem Stativ und längeren Belichtungszeiten zu nutzen. Das Handbuch zur Kamera verrät, wie man die Spiegelvorauslösung zuschaltet. Ein Testlauf daheim und ein Spickzettel für unterwegs unterstützen den noch ungeübten Kameramann.
Weil lange Belichtungszeiten und erst recht die Spiegelvorauslösung reichlich Energie verbrauchen werden, gehören frisch geladene Reserve-Akkus ins Gepäck. Eine Taschenlampe kann nützlich sein, um die Arbeitsumgebung zu sondieren sowie als Hilfslicht beim Fokussieren. Eine Wasserwaage, auf den Blitzschuh gesteckt, erleichtert das Ausrichten der Kamera. Neben diesem Zubehör packt man noch etwas Proviant, Straßenkarte und Kompass in den Fotorucksack und rüstet sich mit bequemem Schuhwerk und wetterfester Kleidung für die abendliche Exkursion.
Checkliste: Aufnahmepraxis Blaue Stunde
Um die wenigen Minuten nicht zu verpassen, in denen sich das Blau der Dämmerung mit den künstlichen Lichtquellen der Stadt die Waage hält, heißt es, rechtzeitig vor Ort zu sein, die Kamera einzurichten und mit Testaufnahmen zu prüfen, ob ein Wechsel zwischen Hochformat und Querformat oder verschiedene Brennweiten-Positionen bei einem Zoom-Objektiv lohnen. Solche Probebilder sollten auch schon für sich als Bild bestehen können, sofern das gewählte Motiv nicht allein von der nächtlichen Lichtinszenierung lebt. Das magische Licht der Blauen Stunde gibt den Stadtansichten nur den letzten Schliff.
Bildformat:
Eine RAW-Datei speichert im Vergleich zur JPG-Datei ein Vielfaches an Farbwerten. Außerdem können Farbtemperatur und Belichtung beim Entwickeln der RAW-Datei in weiten Grenzen neu eingestellt werden und sogar scheinbar überbelichtete Bildbereiche wieder hergestellt und zu dunkle Bildbereiche gezielt aufgehellt werden. Wer im JPG-Format fotografiert, obwohl seine Kamera Belichtungen auch im RAW-Format aufzeichnen kann, verschenkt grundlos die Qualitätsreserven, die in einem digitalen Negativ stecken.
ISO-Wert:
Die Kamera wird auf einen niedrigen ISO-Wert eingestellt, um das Rauschen gering zu halten. Zusätzlich die Rauschreduzierung der Kamera zu aktivieren, schadet nicht.
Weißabgleich: Der Weißabgleich wird manuell auf einen festen Kelvin-Wert eingestellt, zum Beispiel 6000 Kelvin, was einem kühlen Tageslicht entspricht. Ein automatischer Weißabgleich würde dem gewünschten blauen Farbton der Dämmerung gegensteuern und ein wärmeres Licht vortäuschen.
Blende:
Das Objektiv wird geringfügig abgeblendet, maximal bis auf Blende 8. Das gibt den Bildern hinreichende Schärfe, ohne die Belichtungszeit bedeutend zu verlängern.
Fokus:
Der Autofokus wird abgestellt und die Schärfe manuell so eingerichtet, dass die wichtigen Bildelemente mit scharfen Konturen erscheinen.
Belichtungsmessung:
Die Belichtungsmessung schaltet man auf den manuellen Modus um. So bleiben die Belichtungszeiten konstant, auch wenn sich einmal ein helleres Objekt durch die Szene bewegen sollte. Die automatische Belichtungsmessung würde hierauf mit einer Verkürzung der Belichtungszeit reagieren und Aufnahmereihen wären aus dem Takt gebracht. Die Integral-Messung ist die Methode der Wahl, um alle Messpunkte der Kamera auszunutzen und möglichst viele Helligkeitswerte zu berücksichtigen.
Belichtungsreihen:
Wer ganz sicher gehen will und sich den Spielraum für eine Nachbearbeitung der Aufnahmen mittels HDR-Software erhalten möchte, nimmt die Szene in automatischen Belichtungsreihen auf. Wird die Reihenfolge der Belichtungen über das Kamera-Menu auf Unter-, Normal- , Überbelichtung eingestellt, lassen sich die einzelnen Bildserien später auf dem digitalen Leuchtpult leicht auseinanderhalten.
Histogramm:
Während der Fotosession kontrolliert man immer wieder die Belichtung und beobachtet das Histogramm. Auf dem Höhepunkt der Blauen Stunde spiegelt das Histogramm den schwachen Kontrastumfang sehr schön als Lichtwerthügel in den mittleren Tonwerten wider. Je weiter die Dämmerung fortschreitet, um so stärken spreizen sich die hellen und dunklen Lichtwerte wieder. Spätestens, wenn die Lichtwerte die Seiten des Histogramms erreichen, ist es Zeit für die Entscheidung, entweder die Zelte abzubrechen und sich mit Fotografie ‘pure & unplugged’ zufriedenzugeben, oder aber zum elektronischen Geschmacksverstärker zu greifen und mit weiteren Belichtungsserien das Material für eine nachfolgende HDR-Bildbearbeitung zu sammeln.
Fototraining
Jeder kann, mit Kamera und Stativ bewaffnet, attraktive Available Light Aufnahmen als Beute heimtragen. Er muss nur bei klarem Wetter zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Das kann man planen und – vor allem – üben.
Schön, wenn man an einen Ort immer wieder zurückkehren kann, um noch bessere Aufnahmen zu machen. Bei Reisen in die Metropolen wird man sich diesen Luxus kaum gönnen, dort stehen zu viele wichtige Motive auf dem Programm. Im heimischen Umfeld findet man leichter seinen Lieblingsort für Lichtspiele, in Frankfurt etwa Alte Oper, Hauptwache und Mainufer. Die eigenen Nachtbilder gelingen mit zunehmender Übung immer leichter und besser. Überzeugende Stadtaufnahmen lohnen die kleine Mühe und bereichern das persönliche Portfolio, mit dem sich der Fotograf ausweist.
Andreas Mann: “Städtebilder sollten realistisch bleiben. Beeindruckende Fotos gelingen auch ohne Spezialwerkzeug und HDR-Software. Das Geheimnis sind eine gute Zeitplanung und volle Konzentration vor Ort.”
Andreas Mann ist Fotograf mit Schwerpunkt Reportage- und Industriefotografie. Sein Wissen gibt er als Fotodozent und Coach weiter.
http://www.andreasmann.net/kurse-fuer-digitale-fotografie





